von Kurt Wagner
Wieder hat Autor J. L. Istin sein Zeichenteam ausgetauscht. Diesmal hat Oleg Okunev nach einem Storyboard von Alex Sierra die Bilder angefertigt. Für Farbe hat unverändert J. Nanjan gesorgt. Einmal mehr beginnt die Handlung der Geschehnisse rund um die Wahl des Diktators Markus C. Tudor in der postapokalyptischen Mega-City Europa von vorn. Diesmal folgen wir der Polizistin Ramda N’Dam, die – wie gesagt – einem perversen Serienkiller auf der Spur ist, der sich körperbehinderte Opfer sucht, diese umbringt und dann dekorativ zersägt in Gassen hängend zurücklässt.
Da die Ressourcen der Polizei notorisch knapp sind und vor allem durch die Eindämmung von Gang-Gewalt gebunden, ist Ramda auf sich allein gestellt bei ihren Recherchen, die sie jedoch mit eiserner Verbissenheit verfolgt. Die Spur führt ins Umfeld von Tudor, und so muss sich Ramda in dessen Spezialeinheit, die Tracker, einschleusen, um herauszufinden, wer von den Typen gegebenenfalls auch in seiner Freizeit ein Mörder ist. Das ist natürlich ein hochriskantes Spiel.
Die Geschichte ist durch und durch ein Cop-Thriller. Viel weniger als in den zwei vorherigen Bänden geht es um Russel und seine Cyborg-Girls. Stattdessen haben wir die einsame Polizistin, den schattenhaften Killer, den gutmeinenden, aber letztlich machtlosen Commissioner, den leicht verrückten Pathologen, die ekelhaft zugerichteten Leichen und eine Spur, der Ramda Schritt für Schritt folgt. J. L. Istin liefert hier eine wirklich runde Geschichte ab, die allerdings bis kurz vor Schluss ein wenig irrelevant für die Haupthandlung des „Cyborgs“-Fünfteilers wirkt. (Wobei: Was ist schon die Haupthandlung? Bisher gab es in drei Comics drei tragische Einzelschicksale, die schließlich alle in den Reihen von Russels Truppe enden.)
Schön ist, wie geschickt Istin die bisherigen Comics mit dieser Geschichte verwebt. Einmal mehr wird etwa das Gespräch zwischen Yuko und der Trackerin außerhalb des Tudor-Towers präsentiert, das in Band 1 vorkam. Jetzt wissen wir, dass diese Trackerin, die Yuko den Tipp gibt, abzuhauen, Ramda ist. Ebenso treffen wir auf die Synthetischen von Detex und erleben im Fernsehen die Explosion des Autos von Tudors politischer Herausforderin Heather Macstone. Diese Verflechtungen machen Spaß, dennoch bleibt der Comic weitgehend isoliert für sich.
Auffällig ist, dass diesmal durchaus an der Schraube „Sex und Gewalt“ gedreht wurde. Zum einen wird Ramda in den eigenen vier Wänden fast immer kaum bis gar nicht bekleidet dargestellt. Natürlich sind es Szenen, in denen sie sich zum Beispiel umzieht oder duscht, aber die Präsentation ihres schönen, makellosen Körpers ist schon augenfällig. Man könnte es voyeuristisch nennen – oder als visuellen Gegenpol zu den grausam verstümmelten Leichen, den „versehrten Körpern“, verstehen, mit denen Ramda beruflich ständig zu tun hat. Auch was diese Toten betrifft, gehen Istin und Okunev fast unangenehm nah heran. Gegen Schluss geht die Brutalität dann so weit, dass dem Comic ein Hinweis „ab 16“ auf dem Umschlag gutgetan hätte.
Ein Panel fällt dabei als Kuriosum auf. Die Fingerhaltung der abgebildeten Person legt, ebenso wie der Erzähltext, den Schluss nahe, dass hier ein herausgeschnittenes und an seinem Sehnerv baumelndes Auge den Leser anstarren sollte. Das fehlt allerdings, als wäre die Zeichenebene mit diesem Element gelöscht worden. Ob das ein Produktionsfehler ist oder eine Zensur in letzter Sekunde vor dem Druck, vermag ich nicht zu sagen.
Die Optik des Comics kann einmal mehr als sehr gelungen bezeichnet werden. Sowohl attraktive als auch verstümmelte Körper präsentieren Okunev und Nanjan mit viel Gespür für den emotionalen Effekt. Der dunkle, verregnete Großstadtdschungel tritt erneut eher in den Hintergrund, dennoch bekommt man nicht bloß Talking Heads vorgesetzt, sondern ständig neue Settings, weil Ramda so viel in Europa unterwegs ist. Vor allem die belebten Straßenszenen wirken wie kleine Wimmelbilder und machen Spaß beim genauen Betrachten.
Auf Bonusmaterial wurde diesmal verzichtet. Der Comic endet mit einem ganzseitigen Panel und dem Impressum. Andererseits spart das natürlich Seiten – dieses Album ist mit 64 Seiten das bisher dünnste – und macht den Comic somit etwas preiswerter als die bisherigen Bände.
Fazit: „Cyborgs 3 Tank“ hat alles, was ein guter Future-Noir-Thriller braucht, von der einsamen, unbestechlichen Polizistin über ein düsteres Stadtsetting bis hin zu einer ominösen, bis in höchste Kreise reichenden Bedrohung. Als dritter Band der „Cyborgs“-Reihe steht er leider ziemlich für sich allein da. Erst auf den letzten Seiten erhält die Handlung rund um „Russel und seine Cyborg-Angels“ einen neuen Dreh. Wer nur daran interessiert ist – und sich zersägte Körper ersparen will –, der könnte „Tank“ auch überspringen. Aber wer lässt bei einer fünfteiligen Reihe schon Band 3 aus? Abgesehen davon ist Ramda eine echt sympathische Protagonistin, und ihren Ermittlungen zu folgen, liest sich auch wirklich spannend. Eine Empfehlung mit kleinem Abzug in der B-Note.
Cyborgs 3 Tank
Comic
J. L. Istin, Alex Sierra, Oleg Okunev, J. Nanjan
Splitter Verlag 2026
ISBN: 978-3-68950-131-0
64 S., Hardcover, deutsch
Preis: 18,00 EUR
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