Flucht von Dino Island

Regelleichte und schnell spielbare Rollenspiele gehören zum Kern des Sortiments des umtriebigen System-Matters-Verlags. Neben der „Kleinen Reihe“, welche in erster Linie Erzählspiele umfasst, werden auch einige regelarme „Powered-by-the-Apocalypse“-Spiele verlegt, wie eben auch „Flucht von Dino Island“.

von Jens Krohnen

„Powered by the Apocalypse“ – oder kurz „PbtA“ ist dabei eine Regelengine, welche auf dem Rollenspiel „Apocalypse World“ basiert. Die Grundregeln sind denkbar einfach: Im Falle einer Probe werfen die Spieler zwei sechsseitige Würfel und addieren eventuell einen Bonus, der sich aus einem Attributswert ergibt. Ein Ergebnis von 10 oder mehr gilt als voller Erfolg, ein Ergebnis von 7 bis 9 als Teilerfolg, ein Ergebnis von 6 oder weniger als Misserfolg. So weit, so simpel. Darüber hinaus stehen den Spielern – und auch der Spielleitung – sogenannte „Spielzüge“ als Handlungsoptionen für ihre Charaktere zur Verfügung. Das sind so abstrakte Tätigkeiten wie „Bringe jemanden in Gefahr“ aber auch konkrete Handlungen wie „Kämpfe!“.

Mir ist bewusst, dass es viele Freunde von „PbtA“-Spielen dort draußen gibt. Zeitweise galt „PbtA“ nach „FATE“ wohl als DAS neue heiße Eisen der Rollenspielszene. Ich muss gestehen, dass ich allerdings wenig damit warm werde. Der „Spielzug“-Mechanismus ist so ziemlich die verkopfteste Variante, in der man jemandem „Rollenspiel“ erklären könnte und verwandelt ein Spiel voller Möglichkeiten in ein abstraktes Abhaken von Optionen. In meinen Augen umgeht dieser Mechanismus schlicht die eigentlich obligatorische Notwendigkeit, Regeln vernünftig auszuformulieren oder Optionen für alle Beteiligten zu nennen.

Regelseitig bin ich also schon einmal enttäuscht. Was aber bietet „Flucht von Dino Island“ darüber hinaus? Nun, zunächst einmal mag auffallen, wie schmal das Büchlein tatsächlich geworden ist. „Flucht von Dino Island“ hält sich in keinster Weise mit Worldbuilding im eigentlichen Sinne auf: Wer schon einmal einen „Jurassic Park“-Film gesehen oder Novellen wie Doyles „Vergessene Welt“ gelesen hat, weiß schließlich ganz genau, was ihn unter dem Titel erwartet. So geht das Buch auch gleich in medias res und wirft die Charaktere mitten in die Handlung: Irgendetwas ist schiefgelaufen und nun sitzt die Gruppe auf einer Insel voller Dinosaurier fest. Folgend werden einige – doch sehr generische – Charaktertypen vorgestellt. So kann man in die Rolle eines Kindes, eines Doktors oder auch eines Großwildjägers schlüpfen. Jeder Typus bringt ein oder zwei eigene „Spielzüge“ mit sich und kann ansonsten „alles tun, was ein solcher Charakter eben kann“. Ja, das steht da wirklich.

Der Rest des Büchleins ist dem Spielleiter gewidmet und besteht in erster Linie aus Tabellen, mit denen sich ein Szenario erstellen lassen soll. So kann der Ursprung der urzeitlichen Kreaturen ebenso festgelegt werden, wie Geheimnisse auf der Insel, verschiedene Orte und natürlich ein spannendes Finale. Dabei bieten die Tabellen in erster Linie generische Kost und nur selten blitzt ein Hauch von Kreativität auf, zum Beispiel wenn als Möglichkeit für die Herkunft der Dinosaurier die Option genannt wird, dass es sich schlicht um Roboter handeln könnte. Ach ja, außerdem erhält die Spielleitung einen Haufen eigener „Spielzüge“, welche die Autoren davon befreien, sich Gedanken um „echte“ Regeln zu machen und stattdessen so nebulös klingen, dass sie nicht die Kreativität anregen, sondern furchteinflößend wirken. Statt also konkrete Szenen zu beschreiben, wie sich Spielsituationen umsetzen lassen, erhalten wir den Spielzug „Trenne sie!“. Herzlichen Dank.

Zusammenfassend sind die Regeln simpel und funktional, der Spielzugmechanismus mal etwas völlig anders und in seiner Andersartigkeit vielleicht ein Experiment wert. Und ja, ich weiß, „PbtA“ ist sicher keine neue Erfindung. Mir sagt das alles in der hier vorgestellten Form nicht zu. Wer bereits positive Erfahrung mit anderen „PbtA“-Systemen gemacht hat, mag freilich anders denken.

„Flucht von Dino Island“ liegt als 52-seitiges Hardcover vor, welches im Format etwas größer als das handelsübliche A5-Format ist. Die optische Aufmachung ist opulent: vollfarbig, reichhaltig illustriert und in sehr atmosphärischen Braun- und Orangetönen gehalten. Technisch gibt es überhaupt nichts zu meckern.

Fazit: Ich möchte „Flucht von Dino Island“ wirklich mögen. Leider bietet das Buch weder regelseitig noch im Spielleitungskapitel einen echten Mehrwert gegenüber dem Konsum mehrerer „Jurassic Park“-Filme. Und wahrscheinlich unterhalten die besser als die doch recht dröge Lektüre.

Flucht von Dino Island
Grundregelwerk
Sam Tung, Sam Roberts
System Matters 2026
ISBN: n. a. 
52 S., Hardcover, deutsch
Preis: 24,95 EUR

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