von Frank Stein
„Interplanar 1 – Mars – Der rote Planet“ ist ursprünglich im März 2024 bei der Editions Glénat, einem großen französischen Comic-Verlag, unter dem sehr deskriptiven Titel „Système Solaire: Mars“ (also „Sonnensystem: Mars“), erschienen. Die Reihe wurde von Bruno Lecigne geschrieben und von wechselnden Illustratoren gezeichnet. Den vorliegenden Band hat Fabien Bedouel gestaltet. Als wissenschaftliche Berater waren die Astrophysiker:innen des Observatoire de Paris – PSL mit von der Partie, was man dem ganzen Comic auch stark anmerkt.
Die Geschichte beginnt mit einem geradezu lapidar erzählten Paukenschlag. Auf dem Mond findet ein Team NASA-Astronauten ein außerirdisches Raumschiff – was deutsche Leser zwangsläufig an den Auftakt von „Perry Rhodan“ erinnert, aber ich nehme nicht an, dass das von den Machern beabsichtigt war. Dort erwecken die Menschen ein humanoides Alien, das sie Clarke taufen, nach dem Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke. Clarke ist mit seinem Schiff hier nach einem Unfall gestrandet, all seine Gefährten sind tot. In den Folgemonaten helfen die Menschen Clarke, sein Schiff wieder flottzumachen, und zum Dank nimmt er sie auf ein Reise quer durch unser Sonnensystem mit. Das alles wird auf den ersten fünf Seiten erzählt, und viel nüchterner kann man sich, trotz eines kurzen Moment des Erstaunens und Schreckens, einen Erstkontakt kaum ausmalen.
Doch um die Fragen und Probleme, die mit einem Erstkontakt mit einer offensichtlich technisch weit überlegenen Spezies einhergehen würden, dreht sich dieser Comic nicht. Daran hat Autor Lecigne ganz offensichtlich kein Interesse. Seine Mission ist eine andere: Er will seinen Lesern das heimische Sonnensystem mit all seinen Wundern vorstellen. Im vorliegenden Auftaktband dieser „Odysee im Weltraum“ geht es zu unserem roten Nachbarplaneten Mars. Dorthin nimmt Clarke ein sechsköpfiges, internationales Forscherteam mit: zwei Amerikaner, zwei Franzosen (natürlich), eine Chinesin und eine Italienierin. Russland darf, obwohl eine bedeutende Raumfahrtnation, bezeichnend nicht mitspielen. Da der Comic 2024 entstanden ist, wundert man sich kaum darüber.
Die Protagonisten bleiben vergleichsweise blass. Kommandant Alexandre Maillard ist ein entschlossener Macher, die beiden älteren Herren Andrew Murray und Richard Cartier dürfen als Planetologe und Spezialist für Asteroiden viel dozieren, gefragt werden sie dabei von Yang Liping, die als ITlerin naturgemäß eher wenig Ahnung vom Weltall hat. Exobiologin Jenna Khongsit definiert sich im Wesentlichen darüber, die Ex von Andrew Murray zu sein. Am schillerndsten ist noch die Chemikerin und Geologin Francesca Baldini, die von sich behauptet, eine Spionin zu sein, gern etwas arrogant die Lage kommentiert und immer wieder mit Maillard flirtet. Spannungen gibt es innerhalb des Teams kaum welche, insofern bleibt die Dramatik der Handlung vorbehalten.
Doch auch in diesem Punkt lässt sich Autor Lecigne nicht zum Hollywood-Storytelling hinreißen. Seine Expedition zum Mars ist vom Staunen geprägt, über gewaltige Formationen wie den Olympus Mons – ein Monstrum, dreimal so hoch wie der Mount Everest – oder die Valles Marineris, eine 4000 Kilometer lange Schlucht. Natürlich geraten die Astronauten auch mal in Gefahr, etwa als sie ein Staubsturm beim Außeneinsatz überrascht oder als Richard Cartier nach einem Fehltritt einen Abhang hinunterstürzt. Doch auch solche Momente sind rasch aufgelöst und bleiben zurzeit noch ohne Folgen für die Crew. Die Expedition an sich, man möchte gar sagen: die Wissensvermittlung an die Lesenden, steht eindeutig im Vordergrund. Insofern hat man, zumindest stellenweise, eher das Gefühl, ein bebildertes Sachbuch zu lesen als ein SF-Abenteuer – es sei denn, man nimmt den Begriff Science-Fiction wörtlich, denn, ja, eine „Wissenschaftsfiktion“ ist „Interplanar“ im besten Wortsinne.
Visuell wird solide Comic-Kunst geboten. Unter den Figuren hätten Murray und Cartier meinem Empfinden nach etwas deutlicher individuelle Züge benötigt. Die sind leicht zu verwechseln. Die Farbpalette ist eher blass – blau-grau in Clarkes Raumschiff und rötlich-braun auf dem Mars. Anatomie, Mimik und Gestik aller Figuren sind gut getroffen. Clarkes Raumschiff im All sorgt immer wieder für eindrucksvolle Bilder – etwa im Vergleich zur ISS oder beim Anflug auf den Mars. Das große Albumformat hat hier definitiv seine Vorteile, zumal sich so auch die vielen Sprechblasen besser auf den Seiten verteilen. Ja, „Interplanar“ hat viel zu erzählen!
Im Anhang des Comics erwartet uns noch ein 8-seitiges Dossier eines Wissenschaftlerteams des Observatoire de Paris, gewissermaßen die kompakte Zusammenfassung dessen, was man bereits während der Handlung über den Mars lernen konnte – sowie ein wenig mehr. Spätestens hier wird nochmal überdeutlich, was den Machern bei dieser Comic-Reihe wichtig war.
Fazit: Mit „Interplanar 1 – Mars – Der rote Planet“ beginnt eine illustrierte Bildungsreise einmal quer durch unser Sonnensystem. Dabei liegt der Fokus von Autor Bruno Lecigne – abgesehen von der Prämisse, dass den Protagonisten eine überlegene Alien-Technologie die Expedition erst ermöglicht – eindeutig auf realistischer Hard-SF. Seine Figuren sind Forscher, das vermittelte Wissen basiert auf aktuellen astrophysikalischen Erkenntnissen. Wer Action, Drama oder komplexe Figuren sucht, der wird hier (noch) enttäuscht. (Spätere Bände mögen das ändern.) Ich kann den Comic jedoch allen empfehlen, die sich für Raumfahrt und Astronomie interessieren. Ihnen wird ein faszinierender Trip zu unserem roten Nachbarplaneten geboten, der mit einer Menge interessanter Fakten aufwartet.
Interplanar 1 – Mars – Der rote Planet
Comic
Bruno Lecigne, Fabien Bedouel
Splitter 2026
ISBN: 978-3-69258-038-8
64 S, Hardcover, deutsch
Preis: 18,00 EUR
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