Interview mit Stefanie Lasthaus über den Roman „Gretel“

Passend zu Halloween und der immer dunkler werdenden Jahreszeit ist beim Heyne Verlag kürzlich der neueste Roman der Autorin Stefanie Lasthaus erschienen. Anlässlich dieser Buch-Veröffentlichung hatte der Ringbote die Möglichkeit, ein Interview mit ihr zu führen. Wer also ein paar Hintergrundinformationen zu „Gretel“ erfahren möchte, der oder die ist hier genau an der richtigen Stelle. Viel Spaß mit den Fragen und dazugehörigen Antworten!

von Daniel Pabst

Ringbote: Ihr neuester Roman mit dem Titel „Gretel“ ist am 14. Oktober diesen Jahres erschienen. Bereits das Cover mit dem blutroten Namen „Gretel“ deutet an, dass es sich um einen Gruselroman handelt. Hinzu kommen grüne Tannennadeln im schwarzen Hintergrund des Covers, welche andeuten, dass es in dem Roman auch in den Wald gehen wird. Was hat sie dazu bewogen, einen Roman im Horrorgenre zu schreiben?

Stefanie Lasthaus: In „Sachen Buch“ bin ich mit Fantasy-Geschichten aufgewachsen, später kam dann vor allem durch die Werke von Stephen King Horror dazu. Außerdem war ich die jüngere Schwester und habe so bereits als Kind Filme aus dem Genre gesehen (nach Carpenters „The Fog“ konnte ich eine ganze Weile nicht schlafen), Hörspielcassetten a la „Draculas Insel“ gehört sowie John-Sinclair-Hefte gelesen. Das Düstere, egal in welcher Erzählform, war also schon früh Bestandteil meiner Phantasie. Nachdem ich bei Heyne drei düstere Märchenretellings veröffentlicht habe, fragte der Verlag, ob ich mir auch „einen Schritt weiter in Richtung Horror“ vorstellen konnte. Das konnte ich, denn ich hatte bereits eine Idee für einen psychologischen Horrorroman im Kopf.

Ringbote: Der Name „Gretel“ erinnert ja in erster Linie direkt an das berühmte Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm aus dem Jahre 1812. Die Geschichte von Hänsel und Gretel kennt wahrscheinlich jedes Kind und jeder Erwachsene. Wann haben Sie das erste Mal von diesem Märchen gehört? Was hat es bei Ihnen ausgelöst? Haben Sie ein Lieblingsmärchen?

Stefanie Lasthaus: Als Kind habe ich ein sehr dickes Märchenbuch bekommen, in dem sich auch das Märchen von Hänsel & Gretel befindet. Dort habe ich es zumindest zum ersten Mal gelesen, es kann aber gut sein, dass man es mir vorher bereits erzählt hat. Als Kind war für mich ein gutes Ende besonders wichtig, dass die Hexe bekommt, was sie verdient – wie grausam manche Stellen im Grunde sind, habe ich damals gar nicht beachtet. In besagtem Buch befindet sich auch „Von einem, der auszog, um das Fürchten zu lernen“, was damals mein liebstes Märchen war. Jemand, der sich nicht gruselt und sogar nachts mit Totenköpfen kegelt: Held!

Ringbote: Entgegen des recht kurzen Märchens umfasst Ihr Roman ja stolze 477 Seiten. Können Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Denk- und Schreibprozess geben? Wie kann man sich einen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen? Gibt es da eine Seitenanzahl, die Sie sich pro Tag vornehmen, oder ergibt sich das Schreiben an manchen Tagen wie von selbst und an anderen bekommen Sie vielleicht wiederum kaum eine Seite aufs Blatt Papier?

Stefanie Lasthaus: Ich bin da recht „straight“. Zunächst erstelle ich die Steckbriefe der Protagonisten, dann suche ich die Kernfragmente des Märchens heraus und überlege in der anschließenden Plot-Phase, wie ich sie in meine Buchgrundidee übertragen kann. Anschließend notiere ich den Verlauf der Geschichte in einem Arbeitsdokument, das vermutlich die meisten Tippfehler der Welt besitzt, da ich hier einfach nur runtertippe und nie etwas korrigiere. (Hauptsache ich weiß später, was gemeint ist – was aber nicht immer der Fall ist, wenn die Vertipper besonders schwer sind.) Und dann schreibe ich die Rohfassung. Meist nehme ich mir pro Tag eine Seitenzahl vor und höre danach auf, egal wie spannend die Szene gerade ist. Natürlich gibt es trotzdem Tage, an denen es besser läuft als an anderen.

Ringbote: Gibt es außer des berühmten Märchens andere Werke oder Quellen, die Sie für „Gretel“ beeinflusst haben, oder die Sie bewusst in den Roman haben einfließen lassen?

Stefanie Lasthaus: Ich wollte meine eigene Geschichte erzählen und dafür die Elemente herausgreifen, die mich am Originalmärchen besonders interessieren. Dazu gehört vor allem der Wald als Ort, an dem man sich verirren und in dem man Dinge entdecken kann, die man lieber nicht gefunden hätte. Ich liebe den Wald ohnehin. Er kann unglaublich friedlich und schön sein, gleichzeitig aber auch etwas Unheimliches haben (vor allem, wenn man nicht mehr genau weiß, wo man ist – das geht an all meine Freunde, mit denen ich mich schon mal im Wald verlaufen habe!). Diese Zweideutigkeit finde ich faszinierend: Ein Ort muss nicht von vornherein bedrohlich sein, um uns ein Gefühl des Unbehagens zu vermitteln. Manchmal reicht es, dass wir nicht wissen, was sich zwischen den Bäumen verbirgt.

Ringbote: Nochmal zurück zur Ausgangsfrage und dem Genre des Horrors. Der Veröffentlichungszeitpunkt beim Heyne Verlag könnte passender nicht sein! Halloween steht vor der Tür! War das so von Anfang an geplant? Darf man erfahren, wie lange Sie von der ersten Idee bis zum fertigen Roman gebraucht haben?


Stefanie Lasthaus:
Der Veröffentlichungstermin wird durch den Verlag festgesetzt, und dort schaut man natürlich schon hin, welches Thema in welche Jahreszeit passt. Dass „Gretel“ nun zur dunklen Jahreszeit und zu Halloween erscheint, ist also super geplant. :-) Von der ersten Idee bis zur Abgabe ist es nicht immer leicht zu sagen, wie lange die Arbeit gedauert hat, da manchmal andere Dinge dazwischenkommen und ich noch einen zweiten Job habe. Ich schreibe ungefähr zwei Bücher pro Jahr. Bis eine Idee tatsächlich als fertiges Buch vorliegt, vergeht aber deutlich mehr Zeit.

Ringbote: Ich habe gelesen, dass Sie an diesem Freitag um 30.10.2026 um 20:15 Uhr beim Hugendubel in Frankfurt am Main eine Lesung zu „Gretel“ haben werden. Wie bereiten Sie sich auf diese Lesung vor? Haben Sie auch geplant, das Buch als Hörbuch einzulesen und zeitnah zum Roman zu veröffentlichen? Wird es weitere Lesungen zu „Gretel“ geben?

Stefanie Lasthaus: Ja, ich freue mich sehr, eine Halloweenlesung im Hugendubel im Frankfurt zu haben! Einige „Gretel“-Lesungen haben bereits im Vorfeld stattgefunden. Ich habe mir für Frankfurt einige Textstellen herausgesucht, die einen Einblick ins Buch geben, ohne zu viel zu spoilern, und plaudere ein wenig über Märchen und warum sie so gut geeignet sind, um auch Erwachsene zu unterhalten. Ansonsten spielt natürlich immer eine Rolle, was das Publikum im Anschluss möchte oder fragt. Noch eine Stelle lesen, Q&A oder lieber weiter über Märchen reden ... das kann alles passieren… Ein Hörbuch ist derzeit nicht geplant, aber das entscheidet der Verlag. Ob es weitere Lesungen geben wird, hängt von den jeweiligen Veranstaltungsplanungen ab – allerdings werde ich auf jeden Fall 2027 auf der Leipziger Buchmesse unterwegs sein.

Ringbote: Neben „Gretel“ haben Sie in der Vergangenheit Ihre anderen Werke an die Märchen „Frau Holle“, „Schneewittchen“ und „Rapunzel“ angelehnt oder als Ausgangspunkt genommen. Könnte man sagen, dass Sie ein Faible für die Märchenwelt haben? Was fasziniert Sie so an Märchen? Denken Sie, dass Märchen auch heute noch wichtige Inhalte für die Leserinnen und Leser transportieren? Was können Märchen in unserer heutigen Welt denn eigentlich noch bewirken?

Stefanie Lasthaus: Ich habe definitiv ein Faible für Märchen oder Sagen. Sie sind fantastisch und manchmal düster; gleichzeitig sind sie nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. Ihre Motive lassen sich immer neu auf die Gegenwart übertragen, weil sie Themen behandeln, die Menschen seit jeher beschäftigen: Angst, Gier, Neid, Macht, aber auch Mut und Selbstbestimmung. Gerade für düstere Neuinterpretationen eignen sich Märchen deshalb hervorragend. Ihre Grausamkeit ist schließlich keine Erfindung moderner Horrorautorinnen und -autoren. Ich glaube, dass Märchen auch heute noch viel bewirken können. Sie erlauben uns, Ängste und Konflikte aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Und vielleicht liegt ihre größte Stärke darin, dass jede Generation sie neu lesen und darin ihre eigenen Erfahrungen wiederfinden kann.

Ringbote: Abseits von Ihren Romanen, würde mich interessieren, welche anderen Romane Sie unseren Lesern und Leserinnen für die aktuelle Jahreszeit des Herbstes empfehlen würden? Haben Sie überhaupt noch Zeit, etwas für sich zu lesen. Falls ja: Was lesen Sie aktuell oder haben sie zuletzt gelesen?

Stefanie Lasthaus: Ich lese viel weniger, als ich möchte, aber zum Glück noch regelmäßig, da ich Bahnfahrerin bin und öfter zu spät komme oder lange vor dem Bahnhof stehe, da der Zug nicht einfahren darf. Aktuell lese ich „Ferryman“ von Justin Cronin, bin noch nicht sehr weit, mag aber sein Worldbuilding und die philosophischen Fragen, die sich jetzt schon in der Geschichte abzeichnen. Davor hab ich „Tradwife“ von Sarah Langan beendet. Ich finde es spannend, wenn Horror nicht nur mit klassischen Gruselelementen arbeitet, sondern auch gesellschaftliche Vorstellungen aufgreift. Gerade die Dinge, die nach außen hin perfekt und erstrebenswert wirken, können dabei einen besonders unheimlichen Beigeschmack bekommen. Ansonsten geht natürlich auch „Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson in der düsteren Jahreszeit immer. Das Buch zeigt wunderbar, dass man nicht ständig etwas sehen muss, um sich zu fürchten.


Ringbote:
Apropos Frankfurt am Main – eine echte Bücherstadt mit vielen großen und noch mehr kleinen aber feinen Buchhandlungen! Waren Sie auf der Buchmesse in Frankfurt in diesem Jahr? Die Fülle an dort präsentierten Büchern lässt die Hoffnung, dass von Menschenhand geschriebene Bücher auch in der Zukunft weiter existieren werden. Doch bei all der Begeisterung für die Buchmesse, stellt sich schon die angsteinflößende Frage, inwiefern künstliche Intelligenz(en) den Schreibprozess beeinflussen oder den Büchermarkt verändern könnte. Wie stehen Sie hierzu und was denken Sie, wie man der künstlichen Intelligenz als Autorin oder Autor entgegentreten sollte?

Stefanie Lasthaus: Ja ich war auf der Messe beziehungsweise auf dem Buchmesse Convent in Dreieich mit Fokus auf Phantastik (Science-Fiction, Fantasy, Horror und Mystery). Was künstliche Intelligenz betrifft, denke ich, dass wir uns mit ihr auseinandersetzen müssen, da sie inzwischen Teil unseres Alltags ist. Ich nutze sie gelegentlich als Recherchehilfe, überprüfe die Ergebnisse aber anschließend. Beim Schreiben meiner Romane möchte ich meine Geschichten aber selbst entwickeln und erzählen. Schreiben ist ja mehr, als nur Sätze zu produzieren: Ideen finden, Figuren kennenlernen und herausfinden, was eine Geschichte wirklich erzählen will. Wichtig finde ich einen verantwortungsvollen Umgang mit KI, vor allem auch im Hinblick auf Urheberrecht und die Arbeit von Kreativen. Egal, wie sich dieser Bereich entwickelt, wir dürfen den Wert menschlicher Kreativität nie aus den Augen verlieren.

Ringbote: Zuletzt noch zwei persönliche Fragen: Was erhoffen Sie sich für die Leserinnen und Leser von „Gretel“? Gibt es eine „Message“, die Sie den Lesenden dieses Interviews und vielleicht auch Ihres Romans noch mit auf den Weg geben wollen?

Stefanie Lasthaus: Ich wünsche mir, dass ich den Leserinnen und Lesern einige Stunden gute Horrorunterhaltung bieten kann – und vielleicht den einen oder anderen Blick über die Schulter provoziere. Die Verlagspraktikantin, die das Buch vorab gelesen hat, meinte, sie würde sich auf ihrem Weg durch den Wald nun öfter umsehen. Das war der Plan! :-) In „Gretel“ geht es aber auch darum, wie sehr uns unsere eigene Wahrnehmung täuschen kann und wie schwer es ist, loszulassen, wenn man Angst hat, einen geliebten Menschen zu verlieren. Wenn die Geschichte nicht nur für Gänsehaut sorgt, sondern auch nach dem Zuklappen des Buches noch ein wenig im Kopf bleibt, freue ich mich umso mehr.

Ringbote: Vielen Dank für die persönlichen und in die Tiefe gehenden Antworten, die die Spannung auf „Gretel“ befeuert haben. Das Interview hat mir große Freude bereitet! Ich bin schon gespannt, den Roman „Gretel“ zu lesen und werde meine Gedanken und Eindrücke danach in einer Rezension zu „Gretel“ hier auf der Ringboten-Seite mit den Leserinnen und Lesern teilen. Nach diesem Interview lässt sich schon jetzt sagen: Wir sind bereit für die dunkle Jahreszeit!