von LarsB
Alles logisch, oder nicht?
Irgendwie ist es schon schräg, eine Logikaufgabe in ein Spiel zu packen. Doch die Aufgaben bei „Petiquette“ kommen nur äußerlich als mathematisch lösbare Logikaufgabe daher. Den dem Spiel viel zu eng sitzenden Logik-Tarnmantel einmal ausgezogen, wird die eigentliche Seele des Oink-Titels freigelegt. Doch dazu kommen wir noch.
Meistens findet man vollkommen absurde Bildfolgen in der 6er-Kartenauslage vor: Hunde, Katzen und Enten wechseln sich da ab. „Natürlich“ tragen alle einen Hut, die es in den Ausführungen blau, gelb und rot gibt. Und zu allem Überfluss steht auf jeder Karte noch eine Zahl von 1 bis 5.
Jeder Spieler soll nun verdeckt eine seiner neun Karten mit passender Tier-Hut-Kombination wählen, die in die Lücke in der Sechser-Kartenauslage passt und eine passende Zahl an die Karte stecken. „Was bitte? Ich habe keine Ahnung!“ Damit ist man nicht allein am Tisch. Es folgt Lamentieren, Aufstöhnen, Kichern, große Sprüche. Schließlich drehen alle zeitgleich ihre Lösung um und vergleichen diese auf der Suche nach einem Match bei (mindestens) einem Mitspieler.

Kann so etwas funktionieren?
Da die meisten Bildfolgen keine eindeutig sinnvolle oder überlegene Lösung aufdrängen, könnte man meinen, dass es fast unmöglich sei, ein Match aus passender Tierart, passender Hutfarbe und passender Zahl zu haben. Das sind ja gleich drei Dinge auf einmal! Das gibt’s nur in jedem siebten Ei. Da man aber nur fünf Runden spielt, sollte sich in Ermangelung an Übereinstimmungen eine traurige Punktzahl für die meisten Spieler ergeben. Doch das ist (oftmals) nicht so. Warum?
Nach Aufdecken der Lösungsversuche der Spieler wird direkt diskutiert. „Warum denn ein Hund? Da gehört doch eine Katze hin!“ – „Da muss doch ganz klar ein gelber Hut sein!“ – „Was hast du dir denn da gedacht? Eine Zwei?!“

Zuhören du musst, junger Padawan
In unseren Runden war jeder an der Geschichte der Mitspieler interessiert, warum nun diese oder jene Wahl getroffen wurde. Immer, weil es einfach lustig ist, die skurrilen Begründungen zu hören und oftmals, um zu verstehen, wie die Mitspieler ticken. Beispiele? „Die Wahl des passenden Tieres muss sich stimmig anhören.“ Da wurde also auf das ästhetische Versmaß hingewiesen. Oder es werden sich bei sechs ausliegenden Karten immer die linke und die rechte Dreiergruppe angeschaut und nach mehr oder weniger wilden, äh, logischen Regeln gematcht. Menschen denken so unterschiedlich.
„Petiquette“ stellt einen vollkommen unverfänglichen Raum bereit, in dem unterschiedliche Gedanken und Ideen gleichwertig nebeneinanderstehen dürfen. Und es gewinnt nicht der, dessen Logik nach mathematischen Maßstäben am ausgeklügelsten ist, sondern derjenige, der die Gruppe auf die eigene Gedankenreise mitnimmt, den Mitspielern am besten zuhört, der sie zu verstehen versucht und es dann ab und an schafft. Genau das ist der wunderschöne Schlüssel zum Erfolg. Und dann gibt es eben doch die zunächst vollkommen unerwarteten Erfolgsmomente: Die Spieler mit Übereinstimmung klatschen sich gegenseitig ab und freuen sich einen (Hunde-)Keks. Ja, hier werden mehr Emotionen geweckt als bei manch anderem großen Spiel.

Die Endlichkeit trotz speziellem Charme
Die Gruppe groovt sich im Laufe der Partien zunehmend ein. Die Wahrscheinlichkeit, ein Match mit mindestens einem Mitspieler zu haben, steigt fast stetig mit jeder Runde. In Gruppen, die schon ein paar Partien gemeinsam in kurzer Zeit gespielt hatten, habe ich perfekte Punktzahlen gesehen. Der „Eingroove-Effekt“ darf also nicht zu groß werden, sonst verliert „Petiquette“ einen Teil seiner Magie. Es ist daher eher ein Spiel, das man mal ab und zu aus dem Regal holt und gern in neuen Gruppen ausprobiert.
Genauso gibt es sicherlich Spielegruppen, die den Zugang zu „Petiquette“ nicht finden werden. Wem das Abweichen von strenger Logik zu anstrengend ist, wer sich nicht um die Denke seiner Mitspieler schert, wer daran verzweifelt, nicht verstanden zu werden, den wird „Petiquette“ als Idiotie-Kakophonie rasch vom Spieletisch jagen.
Die Gruppengröße sollte für eine Partie „Petiquette“ mindestens vier Spieler betragen. Mit zwei oder drei Spielern entfaltet das Spiel einfach nicht seinen Charme, seine Vielfältigkeit und Buntheit.

Apropos Buntheit, ich bin dem visuellen Charme der Oink-Spiele erlegen und greife gern auch zur „Petiquette“-Schachtel. Ich würde es nicht schön im engeren Sinne nennen, aber es sticht hervor. Das macht mir Freude. Doch das ist und bleibt Geschmackssache und in diesem Fall auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist jedoch, dass das Design der Karten mit Ansteck-Möglichkeit für das Zahlenrad durchaus gelungen und funktional ist, wenn man nicht allzu grobmotorisch daherkommt. Die Qualität der Komponenten ist typisch Oink. Es gibt es nichts zu schnattern.
Fazit: Die Botschaft von „Petiquette“ ist toll. Wir müssen uns zuhören und uns verstehen, um erfolgreich zu sein. Und das in einem vollkommen skurril-putzigen Setting. Die Erklärungen der Mitspieler sorgen in lockeren und offenen Spielerunden für viel „Hallo“ und Heiterkeit. Die kleinen Erfolgserlebnisse sind wahrlich schön. „Petiquette“ strahlt besonders in neuen Gruppen mit mindestens vier Spielern.
Petiquette
Kartenspiel für 2 bis 5 Spieler ab 8 Jahren
Thomas Sellner
Oink Games 2026
EAN: 4571394094402
Sprache: Deutsch
Preis: 20,00 EUR
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