von Alice
Der 16-jährige Seizouh wächst in einer Tempelanlage auf und verbringt die meiste Zeit mit seinem Großvater, der ihn täglich in der Kampfkunst, Meditation und der Aneignung mentaler Stärke ausbildet. Die Tempelbewohner beschützen die heiligen Runen, doch da es seit Generationen keine Vorkommnisse gegeben hat, verläuft der Alltag ruhig und unkompliziert. Eines Tages kommt es jedoch zu schockierenden Ereignissen, die das friedliche Leben auf einen Schlag ändern: Dämonische Wesen durchdringen die Schutzbarriere der Rune und greifen an.
Seizouhs Großvater scheint mehr über diese merkwürdigen Vorkommnisse zu wissen, gibt jedoch nichts davon preis, obwohl Seizouh selbst eine bedeutende Aufgabe erhalten soll. Als besonderer Mensch fühlt Seizouh sich nicht, denn seine Leistungen waren bisher eher durchschnittlich. Trotzdem wird ausgerechnet er Teil einer Gruppe von Auserwählten, die gefährliche Nachforschungen zu den Angriffen vornehmen sollen. Angeführt wird die Gruppe von Seizouhs Großvater, der mysteriöse Kräfte besitzt. Begleitet wird er von dem Oberhaupt der Tempelkrieger und einer erfahrenen Heilerin. Außerdem sind Seizouh und zwei Schüler in seinem Alter dabei. Zu einem seine beste Freundin, zum anderen ein nervtötender Wichtigtuer – was für Konflikte sorgt.
Das Universum dieser Geschichte verbindet ein chinesisches Setting mit klassischen Fantasy-Elementen. Seizouh ist ein Junge, der ein friedliches Leben führt, jedoch plötzlich von übernatürlichen Ereignissen aus seinem Alltag herausgerissen wird und sich auf eine abenteuerliche Reise begeben muss. Schnell fühlt man sich hierbei in ein RPG-Abenteuer der Videospiele aus den 1990ern versetzt, vor allem als es zur Erläuterung der Eigenschaften der Ausrüstung und Gegenstände wie Heil- und Manatränke kommt oder um die Freischaltung von Portpunkten geht. Die Gruppenmitglieder haben klare strategische Rollen wie Heiler, Magier und Tank – auch wenn die Begrifflichkeiten andere sind. Nur die Rolle des Helden ist ungewöhnlich, denn die meiste Zeit ist er im Vergleich zum Rest der Gruppe ein unfähiger Beobachter, der erst im späteren Verlauf seine Kräfte entdeckt, was interessant umgesetzt wurde.
Die Welt ist eine kreativ entwickelte Eigenkreation, bei der zwar auf viele typische Elemente eines klassischen Fantasy-Abenteuers zurückgegriffen wird, es jedoch immer wieder außergewöhnliche Ideen zu entdecken gibt: etwa die Art und Weise, wie unter anderem die Magie der Auserwählten erwacht oder die Fähigkeiten des Anführers der Feinde. Die Hintergründe der Welt erfährt man häppchenweise, was vor allem in Bezug auf Seizouh durchgehend Neugierde weckt. Gleichzeitig gewinnt man später den Eindruck, dass den Charakteren eigentlich zu viel verschwiegen wurde. Das mag für den Leser für mehr Spannung sorgen, erscheint aber aus Sicht aller beteiligten Parteien der Geschichte strategisch unklug. Warum die Funktionsweise der Welt vorenthalten, wenn dies der Grund für die Existenz der Tempelanlage ist? Fehlentscheidungen sind natürlich und perfekte Charaktere wären unglaubwürdig, dennoch begehen insbesondere die erfahrenen Charaktere zu viele grundlegende Fehler, was ihnen genauso an Glaubwürdigkeit raubt.
Obwohl zunächst vieles unklar bleibt, fällt dem Leser der Einstieg in die Handlung leicht. Die Hintergründe und Erklärungen der Funktionsweise übernatürlicher Elemente sind simpel gehalten, wodurch man ungehindert ein actionreiches Abenteuer erleben kann. Der Schreibstil liest sich flüssig, was dem sehr entgegenkommt, doch die Formatierung der Dialoge sorgt für Verwirrung: Da der Zeilenumbruch an der falschen Stelle ist, weiß man häufig nicht, zu wem die wörtliche Rede gehört. Außerdem liest man aus der Ich-Perspektive von Seizouh, trotzdem kommt es zwischendurch hin und wieder zu unerwarteten Perspektivenwechseln mittendrin – völlig übergangslos. So etwas kann den Leser aus der Handlung reißen.
Die Reaktionen der Charaktere werden sehr emotional beschrieben, wodurch man sich gut in sie hineinversetzen kann. Gleichzeitig bleibt es schwierig, eine Bindung zu ihnen aufzubauen, da deren Taten häufig logisch nicht nachvollziehbar sind und dadurch zusammenhanglos erscheinen. Es kommen zudem Nebencharaktere vor, die eigentlich eine bedeutende Rolle spielen, doch der Leser hat keine Bindung zu ihnen aufgebaut, da sie im Laufe der Handlung kaum erwähnt wurden.
Das Cover ist schlicht in Rotwein mit gelber Schrift und Grafiken gehalten, aber dennoch ansprechend. Macht man sich die Mühe, die chinesischen Schriftzeichen zu übersetzen, wird man feststellen, dass diese Bezug auf eine Szene des Romans nehmen.
Fazit: „Das Urteil der Rune“ bietet eine actionreiche und spannende Handlung, welche vom Stil her an ein RPG-Abenteuer der Videospiele aus den 1990ern erinnert. Die Charaktere überzeugen jedoch nur zum Teil. Eine unglückliche Formatierung der Dialoge und verwirrende Perspektivenwechsel hemmen zudem immer wieder den Lesefluss.
Seizouh 1 – Das Urteil der Rune
Fantasy-Roman
Fabiano Docimo
Famoe Publishing 2026
ISBN: 979-8184043227
302 S., Hardcover, deutsch
Preis: 25,00 EUR
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