von Daniel Pabst
Falls man bislang nichts von ihr gelesen hat, dann ist das nicht ohne Grund. Denn das Mädchen mit den Superkräften steht seit Jahrzehnten im Schatten von Superman. Dabei wurde Kara Zor-El, wie sie eigentlich heißt, bereits im Jahre 1959 von Otto Binder und Al Plastino erfunden und in die Comic-Welt eingeführt. Seitdem wurde ihre Geschichte und Herkunft mehrfach verändert, neu gestartet und zeitweise sogar von anderen Figuren unter dem identischen Hedinnen-Namen „Supergirl“ einfach übernommen. Das alles scheint durchaus verwirrend und macht den Einstieg in die Comic-Geschichten des Mädchens mit dunkelblauer Schuluniform nicht leicht. Anders als Figuren wie Wonder Woman, Catwoman oder auch Harley Quinn hält sich ihre Beliebtheit bei Cosplayern oder Fans weiblicher Comic-Figuren bislang daher eher in Grenzen. Manche betrachten sie als „billigen Abklatsch“ ihres männlichen Pendants Superman. Ist diese Vernachlässigung unberechtigt? Bieten ihre Geschichten in Wirklichkeit interessante Ansätze? Was bleibt nach dem Lesen ihrer Comic-Anthologie?
Die im Jahre 2026 erschienene Anthologie zeichnet zunächst einmal ihre Entwicklung anhand ausgewählter Geschichten nach. Auf 384 Seiten dieses Hardcoverformats geht es mit Supergirl in der ersten Geschichte zurück zum Ursprung. Die erste abgedruckte Geschichte nämlich ist passenderweise ihr erster Auftritt im Jahr 1959. Das Heft „Action Comics #252“ zeigt den Leserinnen und Lesern, wie Kara Zor-El auf der Erde landet und dort keinem Geringeren als Superman begegnet. Wie Kal-El stammt auch sie vom untergegangenen Krypton und ist seine Cousine. Beide verbringen Zeit miteinander und lernen sich kennen. Bereits diese frühe Geschichte legt den Grundstein für die vielen weiteren Geschichten. Aus heutiger Sicht wirken die Erzählweise und die Dialoge recht altmodisch und kompakter, als man es von modernen Comics gewohnt ist. Das macht die Auftaktgeschichte jedoch erst so reizvoll. Im direkten Vergleich mit den späteren Geschichten lässt sich nämlich beobachten, wie sehr sich sowohl Supergirl als auch das Medium Comic – sowohl zeichnerisch als auch in der Art des Geschichtenerzählens und der Panelanordnung – im Lauf der Jahrzehnte verändert haben.
Was auf die Ursprungsgeschichte folgt, sind insgesamt 17 weitere Geschichten, in denen Supergirl im klaren Fokus steht. Von 1959 bis zum Jahre 2016 folgen die Leser und Leserinnen dem fliegenden Mädchen durch diese Anthologie. Auch die Zeichnungen wechseln daher ihren Stil, wodurch man mit jeder der Geschichten eine „neue“ Version von Supergirl präsentiert bekommt. Dabei ist die bauchfreie Version, die der Künster Stanley Artgerm auf dem Cover dieses Anthologie-Bandes gezeichnet hat, eher die Ausnahme. Was jedoch auffallend gleich bleibt, ist ein Minirock oder eine sehr knappe Hose, gepaart mit einem blauen kurzen Oberteil und einem langen roten Mantel, den Supergirl trägt, sodass man sich hier durchaus kritisch mit dem künstlerisch-präsentierten Heldinnenbild auseinandersetzen mag. Sucht man dagegen die Action und möchte wissen, wie sich diese Heldin mit übernatürlichen Kräften und der Macht zu fliegen über die Jahrzehnte entwickelt hat, wird man diesen abendfüllenden Diskussionspunkt beim Lesen sehr wohl zu vernachlässigen wissen.
Springen wir daher wieder zurück zu den Geschichten dieser Anthologie. Mit „Supergirl #1“ von 1972 erhielt Kara schließlich ihre eigene Comic-Serie. Nunmehr mit dem Namen Linda Danvers versuchte sie, sich stärker von Superman zu lösen und ein eigenes, selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Eigene Beziehungen, Probleme und Abenteuer rückten mit dieser Reihe zunehmend in den Mittelpunkt. Noch deutlicher wird diese Entwicklung in „The Daring New Adventures of Supergirl #1“ von 1982. Linda zieht in dieser Geschichte nach Chicago und beginnt dort ein neues Kapitel ihres Lebens. Ihr Beruf bleibt zwar ihre Berufung und sie liebt es, anderen zu helfen, doch gleichzeitig beginnt sie ihr Leben als Studentin in der Stadt. Was auch diese Geschichte verdeutlicht, ist eine selbstständigere Heldin, die längst nicht mehr nur als weibliches Gegenstück zu Superman funktioniert, sondern erwachsen geworden ist und sich emanzipiert hat.
Entgegen dieses Trends aber verlieft die Comic-Geschichte von Supergirl alles andere als geradlinig erfolgreich. Kara Zor-El verstarb während „Crisis on Infinite Earths“ und verschwand zunächst aus dem neu geordneten DC-Universum. Dennoch behielt man den Namen Supergirl und setzte ihn in anderen Geschichten mit weiblichen Heldinnen ein. So treten in späteren Geschichten schlicht andere Inkarnationen der Heldin auf. Besonders spannend ist dieser Teil der Anthologie daher wohl für all diejenigen Leser und Leserinnen, die Supergirl vor allem oder ausschließlich als Kara Zor-El kennen. Später dann kehrt Kara Zor-El zur Überraschung vieler wieder dauerhaft zurück. Doch auch ihre Rolle innerhalb des DC-Universums hat sich verändert. Mal steht ihre kryptonische Herkunft stärker im Mittelpunkt, mal ihre Suche nach einem Platz auf der Erde.
Mit den Geschichten aus der sogenannten „New-52-Ära“ wird die Darstellung dann noch moderner und konfliktreicher. Kara wirkt hier deutlich fremder auf der Erde und muss sich stärker mit ihrer Vergangenheit sowie dem Verlust Kryptons auseinandersetzen. Besonders ungewöhnlich wird es, als Supergirl zeitweise im Jahre 2014 sogar zur „Red Lantern“ wird. Mit einer kolossalen Wut im Bauch vervielfältigte sich damit ihre Rolle und Persönlichkeit. Die dazugehörige Geschichte „Weg der Wut“ zeigt, wie weit sich spätere Autoren und Autorinnen von der ursprünglichen Darstellung der 1950er-Jahre entfernten, um Neues für das interessierte Publikum zu erschaffen. Mit den jüngeren Geschichten erreicht die Anthologie schließlich die moderne DC-Ära. Dadurch ist zwar kein vollständiger Überblick über jede Phase der Figur enthalten, wohl aber ein abwechslungsreicher Querschnitt durch ihre lange und teilweise komplizierte Veröffentlichungsgeschichte.
Gerade die unterschiedlichen Versionen und Darstellungen machen den Anthologie-Band interessant. Wer bislang dachte, dass Supergirl nur die Cousine des wahren Helden Superman sei, der wird am Ende dieser Anthologie von seinem bisherigen Bild abgewichen sein und zugeben müssen, dass sie eine sehr starke, eigenständige Figur darstellt. Mal als Schülerin, dann als Studentin, aber auch als Außenseiterin und dann als eigenständige Heldin und sogar als Red Lantern steht sie symbolisch für die schiere Kraft und Strahlkraft, die von weiblichen Comic-Heldinnen ausgehen kann. Die zusätzlichen Hintergrundtexte, die es vor jeder der abgedruckten Geschichte zu lesen gibt, helfen dabei, die vielen Veränderungen einzuordnen und wertzuschätzen. Na sowas! Wer hätte das zu Beginn gedacht!
Fazit: Die „Supergirl Anthologie – Die Geschichte eines Mädchens aus Stahl“ hat nichts mit E.T.A. Hoffmann zu tun – und zeigt dennoch eine spannende Figur, die wie „Olimpia“ auf eine eigene Art und Weise bis zuletzt nicht ganz greifbar scheint. Ihr größtes Problem: Supergirl ist über die Jahrzehnte erstaunlich inkonsistent und damit nicht besonders nahbar. Je nach Autor änderte sich ihre Persönlichkeit und ihre Rolle. Der Ton und die Art der Zeichnungen sind teils so stark voneinander abweichend, dass gerade Comic-Einsteigerinnen und Einsteigern sich nicht wirklich abgeholt fühlen. Beinahe schien DC selbst das Potenzial von Supergirl nicht wirklich greifen und vermarkten zu können. Das ist schade, weil diese Anthologie zeigt, dass Supergirl eine weitere Vernachlässigung ganz und gar nicht verdient hat. Das Mädchen aus Stahl hat ein Herz und hätte in Zukunft sicher weitere gute Geschichten verdient. Mal schauen, was DC sich einfallen lässt!
Supergirl Anthologie – Die Geschichte eines Mädchens aus Stahl
Comic
Jeph Loeb, Otto Binder, Al Plastino u. a.
Panini Comics 2026
ISBN: 978-3-7416-4882-3
384 S., Hardcover, deutsch
Preis: 39,00 EUR
bei amazon.de bestellen