SPIEL 2026: Ein Treffen mit Anja Stockhausen von dlp games

Der Messetrubel ist gewaltig und eigentlich redet man den ganzen Tag mit den verschiedensten Menschen. Eine wunderbare Gelegenheit, auch mal mit den Menschen hinter den Spielen zu sprechen. Wir durften uns am Rande der Messe in Essen mit Anja Stockhausen von dlp games unterhalten und konnten auf diese Weise etwas über die aktuellen Spiele und noch ein paar Kleinigkeiten mehr in Erfahrung bringen.

von KaiM

Am Freitagabend leerten sich die Hallen schon ein wenig. Die langen Schlangen an den Spieletischen und den Verkaufsständen hatten sich in Luft aufgelöst und man merkte der Messe an, wie sie langsam zur Ruhe kam, nur um am nächsten Morgen wieder mit voller Kraft durchstarten zu können. Natürlich war es nicht leise in Halle 3 und überhaupt ist es wohl nur schwer möglich, einen ruhigen Platz für ein entspanntes Gespräch zu finden. Aber Anja Stockhausen ist da nicht zimperlich. Ein paar Schritte an den Rand der Halle, wo etwas weniger Gewusel herrschte, sollten uns ausreichen, um unser Gespräch zu führen. Es ging um den Verlag, natürlich die dlp-Neuheiten dieses frischen Spielejahrgangs und einen kurzen Rückblick auf die bisherigen Messetage.

Wer sind dlp games eigentlich?

Ohne es zu ahnen, wurde der Startpunkt für dlp games gelegt, als Rainer Stockhausen 2006 das Spiel „Fußball Ligretto“ zusammen mit Schmidt Spiele auf den Markt brachte. Das schnelle und wirklich aktionsreiche Kartenspiel gewann nicht nur den „Schweizer Spielepreis“ im Bereich Familie, es ist bis heute ein Dauerbrenner und erscheint immer noch regelmäßig in allen möglichen Sprachen. Illustriert wurde das Spiel damals übrigens von Klemens Franz, der im gleichen Jahr das atelier198 gründete und damit ebenfalls den Grundstein für die vielen tollen Designs in unseren geliebten, modernen Brettspielen legte.

Aber zurück zu dlp games, denn 2009 wurde die Zusammenarbeit mit Schmidt Spiele beendet und die Veröffentlichung von „Fußball Ligretto“ unter dem neuen Namen „Crazy Kick“ selbst in die Hand genommen. 2014 markierte dann schließlich mit „Orleans“ den Durchbruch. Das Spiel ist bis heute populär und ist laut BoardGameGeek beim Ranking der beliebtesten Brettspiele der Welt auf Platz 35 und DER Bag-Building-Titel schlechthin. In Österreich und den Niederlanden und bei der Verleihung des MinD-Preises für Expertenspiele landete es auf Platz 1 und auch beim Deutschen Spielepreis musste es sich nur „Auf den Spuren von Marco Polo“ geschlagen geben. Schön zu sehen, wie sich die Kreise schließen: Auch hier übernahm Klemens Franz wieder die Illustrationen.

Inzwischen arbeitet dlp games mit vielen Partnern daran, jedes Jahr eine Vielzahl guter Spiele auf den Weg in unsere Wohnzimmer zu bringen. Der Fokus liegt dabei auf der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit allen Beteiligten, und es wird viel Wert darauf gelegt, dass gemeinsam und auf Augenhöhe an Spielen gearbeitet wird, die allen am Herzen liegen. Das führt dazu, dass es keine „kleinen“ Spiele gibt, die nebenher mitlaufen, nur um mehr auf den Markt zu bringen. Jedes Spiel ist ein Herzensprojekt und es wird das Möglichste getan, um das Beste davon herauszuholen.

Was sind die Neuheiten?

Natürlich ist „-60°“ (auch genannt „Sixty Below“) der Titel, der am meisten Aufmerksamkeit bekommen hat. Und damit sprechen wir nicht von den Spielen des Verlags. Bei den am meisten erwarteten Spielen auf BGG kam dieser Titel auf Platz 4 – als eine von über 1800(!) gelisteten Neuheiten.

Bei neuen, großen Spielen des Erfolgsautors Alexander Pfister ist es gute Tradition, dass diese bei dlp games erscheinen. Entweder als Vertriebspartner gemeinsam mit anderen Verlagen wie Nanox Games oder Game’s Up („Cloudage“, „Maracaibo“) oder unter eigener Regie („Boonlake“). In diesem Jahr wurde wieder mit beiden Verlagen zusammengearbeitet und neben „-60°“ auch noch mit „Pirates of Maracaibo: Shipbuilders“ die dritte Erweiterung zum Grundspiel im Vertrieb für Nanox herausgebracht.

„-60°“ ist wieder ein großer, komplexer Titel mit einem „Push your luck“-Mechanismus, Arbeitern und natürlich Deckbuilding. Das Spiel ist aktuell vorbestellbar und wird hoffentlich bald ausgeliefert. Auch sollte noch erwähnt werden, dass neben Alexander Pfister auch Peter Prinz an dem Titel gearbeitet hat, der nach seinem Erfolg „Jenseits von Theben“ aus dem Jahr 2007 (Nominiert zum „Spiel des Jahres“) eine längere Pause eingelegt hat und sich erst 2023 mit „Comet“ zurückmeldete.

Auf den heiß erwarteten Titel „Chivalry“ von David Turczi müssen wir noch ein wenig warten, denn hier hat sich die Lieferung leider dann etwas verzögert. Das war aber absehbar und wurde bereits im Vorfeld angekündigt, sodass der neue Liefertermin Anfang 2027 keine böse Überraschung darstellt. Man kann davon ausgehen, dass wir von diesem Titel in Zukunft noch einiges hören werden.  

Aber auch etwas weniger komplexe Spiele hat der Verlag im Gepäck. „Underwood“ ist beispielsweise ein niedlich daher kommendes Spiel, bei dem jeder Spieler eine eigene Pilzart übernimmt, die sich im Wald ausbreitet. Tatsächlich ist es aber ein konfrontatives Tauziehen über Mehrheiten in kleinen Waldgebieten. Die Autoren sind auch nicht ganz unbekannt: Andrea Manini und Remo Conzadori. Das Spiel „Bella Vista“ von Manini in Zusammenarbeit mit Bruno Cathala ist auch dieses Jahr erschienen und Conzadori hat vor zwei Jahren mit dem Familienspiel „Captain Flip“ schon für Aufmerksamkeit gesorgt.

Schließlich wäre da noch „Loyalty Rome“. Das durfte ich schon spielen. In dem schnellen Aktionsauswahlspiel mit Würfeln und Mehrheiten-Mechanismus wetteifern wir um die Gunst der römischen Götter, um ihre Gunst zu erhalten und dadurch Siegpunkte zu bekommen. Es spielt sich in einer guten Stunde und komprimiert komplexe Euro-Mechniken auf das Wesentliche, was die Regeln überschaubar werden lässt. Man muss zwar mit einem gewissen Glücksfaktor leben, aber es gibt dann doch immer wieder die Möglichkeit zu kontern. Eine ausführliche Rezension werdet ihr hier auf dem Ringboten in den nächsten Wochen zu lesen bekommen.

Welchen Eindruck hinterlässt die Messe im Jahre 2026 und welche Herausforderungen mussten gemeistert werden?

Insgesamt hat Anja ein positives Zwischenfazit zur Messe gezogen. Der Stand ist etwas größer ausgefallen als die letzten Jahre, es gibt mehr Spielfläche und er ist vom Rand in die Mitte der Halle 3 gerutscht. Auch die Vergrößerung der Messefläche scheint einen positiven Einfluss gehabt zu haben, sodass alles ein klein wenig entspannter schien, als die letzten Jahre, in der Halle 3 zu Stoßzeiten kaum passierbar war.

Am Ende haben wir dann noch kurz über die Herausforderungen im Bereich der Logistik und Produktion gesprochen. Während einige Verlage von größeren Problemen bei der Lieferung ihrer Spiele gesprochen haben, blieb dlp davon weitgehend verschont. Aber natürlich ist die Produktion etwas, das alle bewegt. Umwelt, Arbeitsplätze, steigende Innovationskraft. Es gibt viele Aspekte, die für eine Produktion in Deutschland oder zumindest der EU sprechen. Aber häufig ist das gar nicht möglich. Die Produktionskosten seien sehr viel höher und es sei erstaunlich, was die Produktionsstätten im fernen Osten inzwischen für Möglichkeiten bieten, die man hier in der Nähe vergeblich suche. Aber es ist auch offensichtlich, dass unsere geliebten Boxen und ihr spielerischer Inhalt in den letzten Jahren immer schöner und ausgefeilter geworden sind. Abgesehen von den oben genannten Aspekten ist das natürlich wunderbar, denn wer freut sich nicht über ein Spiel mit einer grandiosen Tischpräsenz.

Zu guter Letzt ließ sie mich noch aufhorchen, da sie etwas sehr Spannendes für das kommende Jahr angekündigt hat. Natürlich habe ich nichts weiter erfahren, aber natürlich ist die Neugier geweckt und wahrscheinlich werde ich in den nächsten Monaten noch mal häufiger nachschauen, damit ich keine Ankündigung verpasse.

Auf diesem Wege danke ich Anja nochmals für das äußerst entspannte und gute Gespräch inmitten des Messetrubels. Ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen.